6.5.1.1 Akuter Kopf-, Gesichts- oder Halsschmerz zurückzuführen auf eine arterielle Dissektion

Beschreibung:

Kopf- und/oder Gesichts- und/oder Halsschmerz infolge der Dissektion einer Halsschlagader oder Wirbelsäulenarterie. Der Schmerz ist üblicherweise ipsilateral zum betroffenen Gefäß und beginnt in der Regel plötzlich (bis hin zum Donnerschlagkopfschmerz). Er kann isoliert bestehen bleiben oder es kann sich um ein Warnsymptom handeln, das einem ischämischen Infarkt vorangeht.

Diagnostische Kriterien:
  1. Jeder neu aufgetretene Kopf- und/oder Gesichts- oder Halsschmerz, der die Kriterien C und D erfüllt
  2. Es wurde eine Dissektion der A. carotis oder A. vertebralis diagnostiziert
  3. Ein kausaler Zusammenhang kann durch wenigstens zwei der folgenden Kriterien gezeigt werden:
    1. der Schmerz hat sich in enger zeitlicher Beziehung zu anderen lokalen Symptomen der Halsarterien-Dissektion entwickelt oder zu deren Diagnose geführt
    2. Einer oder beide der folgenden Punkte sind erfüllt:
      1. der Schmerz hat sich gleichzeitig mit anderen Symptomen der Halsarterien-Dissektion erheblich verschlechtert
      2. der Schmerz hat sich innerhalb von 1 Monat nach seinem Beginn erheblich gebessert oder ist verschwunden
    3. Einer oder beide der folgenden Punkte sind erfüllt:
      1. der Schmerz ist stark und hält über Tage oder länger an
      2. der Schmerz geht Symptomen einer akuten retinalen und/oder zerebralen Ischämie voran
    4. Der Schmerz ist einseitig und ipsilateral zu der betroffenen Halsarterie lokalisiert
  4. Es ist wenigstens einer der folgenden Punkte erfüllt:
    1. der Kopfschmerz ist innerhalb von 3 Monaten verschwunden1
    2. der Kopfschmerz ist noch nicht verschwunden, allerdings sind noch keine 3 Monate verstrichen1
  5. Nicht besser erklärt durch eine andere ICHD-3-Diagnose.
Anmerkung:
  1. Die 3 Monate sollten von der Stabilisierung an gezählt werden, sei es spontan oder durch Behandlung, statt ab Beginn der Dissektion einer Halsarterie.
Kommentar:

Kopfschmerzen mit oder ohne Schmerzen im Halsbereich können die einzige Manifestation der Dissektion einer Halsarterie sein. Sie sind bei weitem das häufigste Symptom (55% bis 100% der Fälle) und auch das häufigste Erstsymptom (33% bis 86% der Fälle).

Der 6.5.1.1 akute Kopf-, Gesichts- oder Halsschmerz zurückzuführen auf eine arterielle Dissektion ist üblicherweise einseitig (ipsilateral zur betroffenen Arterie), von starker Intensität und anhaltend (im Mittel 4 Tage). Er hat kein konstantes spezifisches Muster und ist zum Teil irreführend, weil andere Kopfschmerzen wie 1. Migräne, 3.1 Clusterkopfschmerz oder ein 4.4 primärer Donnerschlagkopfschmerz nachgeahmt werden. Begleitsymptome in Form von Zeichen einer zerebralen oder retinalen Ischämie und lokale Symptome sind häufig: Insbesondere ein schmerzhaftes Horner-Syndrom, ein schmerzhafter Tinnitus mit plötzlichem Beginn oder eine schmerzhafte Parese des N. hypoglossus sind sehr suggestiv für eine Dissektion der A. carotis.

Die Dissektion einer Halsarterie kann in Begleitung der Dissektion einer intrakraniellen Arterie einhergehen, was eine potenzielle Ursache für eine Subarachnoidalblutung darstellt. 6.7.4 Kopfschmerz zurückzuführen auf eine arterielle Dissektion kann zusätzlich zu einem 6.5.1.1 akuten Kopf-, Gesichts- oder Halsschmerz zurückzuführen auf eine arterielle Dissektion vorliegen.

6.5.1.1 Akuter Kopf-, Gesichts- oder Halsschmerz zurückzuführen auf eine arterielle Dissektion geht in der Regel dem Beginn ischämischer Symptome voran und erfordert deshalb eine frühzeitige Diagnose und Behandlung. Die Diagnosestellung erfolgt auf Grundlage einer zervikalen MRT mit Fettunterdrückung, Duplex-Scan, MRA und/oder CTA sowie in Zweifelsfällen einer konventionellen Angiographie. Es werden gewöhnlich mehrere dieser Untersuchungen benötigt, da sie jeweils normal ausfallen können.

Hinsichtlich der Therapie existieren keine randomisierten Untersuchungen, aber es besteht der Konsens, zunächst zu heparinisieren und dann entsprechend der Gefäßerholung für 3 bis 6 Monate befristet auf eine orale Antikoagulation überzugehen.