1.3 Chronische Migräne

Beschreibung:

Kopfschmerz, der über mehr als 3 Monate an 15 oder mehr Tagen/Monat auftritt und der an mindestens 8 Tagen/Monat die Merkmale eines Migränekopfschmerzes aufweist.

Diagnostische Kriterien:
  1. Kopfschmerz (migräneartig oder spannungstypartig1) an ≥15 Tagen/Monat über >3 Monate, welcher Kriterium B und C erfüllt
  2. Auftreten bei einem Patienten, der mindestens fünf Attacken gehabt hat, welche die Kriterien B bis D für eine 1.1 Migräne ohne Aura und/oder die Kriterien B und C für eine 1.2 Migräne mit Aura erfüllt
  3. An ≥8 Tagen/Monat über >3 Monate, wobei einer der folgenden Punkte erfüllt ist2:
    1. Kriterium C und D für eine 1.1 Migräne ohne Aura
    2. Kriterium B und C für eine 1.2 Migräne mit Aura
    3. Der Patient geht bei Kopfschmerzbeginn von einer Migräne aus und der Kopfschmerz lässt sich durch ein Triptan- oder Ergotaminderivat lindern
  4. Nicht besser erklärt durch eine andere ICHD-3-Diagnose3;4;5.
Anmerkung:
  1. Der Grund, warum die 1.3 chronische Migräne von episodischen Migränetypen abgehoben wird ist der, dass es unmöglich ist, die einzelnen Kopfschmerzepisoden bei Patienten mit derart häufigen oder ständigen Kopfschmerzen voneinander abzugrenzen. Tatsächlich kann sich der Kopfschmerzcharakter nicht nur von einem Tag zum anderen, sondern sogar innerhalb desselben Tages ändern. Bei solchen Patienten ist es außerordentlich schwer, auf eine medikamentöse Behandlung zu verzichten, um die natürliche Kopfschmerzgeschichte zu beobachten. In dieser Situation werden Attacken mit wie auch ohne Aura gezählt, ebenso wie sowohl migräneartige als auch spannungstypartige Kopfschmerzen (nicht jedoch sekundäre Kopfschmerzen).
  2. Eine Charakterisierung eines häufig wiederkehrenden Kopfschmerzes erfordert in der Regel das Führen eines Kopfschmerztagebuchs, in dem Informationen zum Schmerz und den mit ihm verbundenen Symptomen mindestens einen Monat lang tagtäglich aufgezeichnet werden.
  3. Da Kopfschmerz vom Spannungstyp den diagnostischen Kriterien für eine 1.3 chronische Migräne entspricht, schließt diese Diagnose die Diagnose eines 2. Kopfschmerzes vom Spannungstyp oder seine Typen aus.
  4. Ein 4.10 neu aufgetretener täglicher Kopfschmerz kann Merkmale aufweisen, die auf eine 1.3 chronische Migräne hindeuten. Letztere ist ein Krankheitsbild, das sich im Laufe der Zeit aus einer 1.1 Migräne ohne Aura und/oder 1.2 Migräne mit Aura entwickelt. Wenn diese Kriterien A bis C also von einem Kopfschmerz erfüllt sind, der eindeutig täglich auftritt und ab <24 Stunden nach seinem erstmaligen Auftreten nicht nachlässt, sollte er unter 4.10 neu aufgetretener täglicher Kopfschmerz kodiert werden. Wenn keine Erinnerung an den Beginn der Erkrankung besteht oder dieser anderweitig ungewiss ist, sollte sie als 1.3 chronische Migräne kodiert werden.
  5. Die häufigste Ursache von Symptomen, die auf eine chronische Migräne hindeuten, ist Medikamentenübergebrauch gemäß Definition unter 8.2 Kopfschmerz zurückzuführen auf einen Medikamentenübergebrauch. Rund 50% der Patienten, die vermeintlich eine 1.3 chronische Migräne aufweisen, kehren nach dem Entzug zu einem episodischen Migränetyp zurück; bei diesen Patienten wird die gewissermaßen unberechtigte Diagnose einer 1.3 chronischen Migräne gestellt. Gleichermaßen gebessert sich der Zustand vieler Patienten mit offensichtlichem Medikamentenübergebrauch nach dem Entzug nicht; für sie kann die Diagnose eines 8.2 Kopfschmerzes zurückzuführen auf einen Medikamentenübergebrauch unangemessen sein (ausgehend von der Annahme, dass die durch Medikamentenübergebrauch induzierte Chronizität immer reversibel ist). Aus diesen Gründen und weil die allgemeine Regel für alle relevanten Diagnosen gilt, sollte bei Patienten, welche die Kriterien für eine 1.3 chronische Migräne und für einen 8.2 Kopfschmerz zurückzuführen auf einen Medikamentenübergebrauch erfüllen, beides kodiert werden. Nach dem Entzug wird die Migräne entweder zu einem episodischen Typ zurückkehren oder chronisch bleiben und sollte dementsprechend neu diagnostiziert werden; bei Letzterem kann die Diagnose eines 8.2 Kopfschmerzes zurückzuführen auf einen Medikamentenübergebrauch aufgehoben werden.